Beim morgendlichen Blick aus dem Fenster gewinnt Geschäftsführer Jörg Viehmann Energie für den langen Arbeitstag.

Das Fenster zum Hof

"Hier muss erst mal Ordnung gemacht werden!"

Fleischerhandwerk West trifft Fleischerhandwerk Ost - wie begann das eigentlich mit dem ALTMÄRKER in Stendal? Geschäftsführer Jörg Viehmann erinnert sich gut ...

 

Morgens 9 Uhr. Die erste Besprechung mit allen Produktionsbereichsleitern und Abteilungsleitern ist gerade vorbei. Vom Bürofenster aus sehe ich ein Kommen und Gehen im Hof: Spediteure, die Ware anliefern und abholen. Kunden, die etwas zu erledigen haben. Einer unserer Handwerker sieht mich am Fenster stehen und winkt.

Energie holen für den Tag – dabei hift mir der morgendliche Blick aus dem Fenster. Er dient zum ersten Fokussieren auf wichtige Themen, aber auch zur Entspannung. Und so schweifen mitunter die Gedanken.

1993, nachdem ich hier in Stendal angekommen war, war die Aussicht aus dem Bürofenster eine andere: Ich sah die klassischen DDR-Baracken – in einer davon, in der Innenstadt an der Parkstraße 1 gelegen, saß ich selbst. Und ich blickte auf den heruntergekommenen Schlachtbetrieb, der notdürftig zum Produktionsbetrieb hergerichtet worden war.

Viele Eindrücke sind mir bis heute lebendig geblieben.
Die geborstenen Fensterscheiben der in die Jahre gekommenen alten Schlachthalle. Rechts daneben der Konfiskatturm für die Schlachtabfälle. Es riecht bedenklich nach in der Wärme stehen gelassenen Fetten und Schwarten. Raben fliegen an, stolzieren über den Hof, klauen sich Bröckchen aus den Containern. Parallel stinkt es nach Ammoniak, weil die Kühlanlage nicht dicht ist.

Als Maschinenbauer und Wirtschaftsinformatiker habe ich's doch sehr gerne ordentlich und strukturiert. Ich habe hinaus gesehen und für mich gesagt: „Hier muss erst mal Ordnung gemacht werden! Hier müssen Prozesse gegliedert werden!“

Überzeugend waren dagegen Produktion und Qualität. Zum Betrieb gehörten seinerzeit noch zwei Schlachtbetriebe in Gardelegen und Tangerhütte, dazu kamen fünf weitere Produktionsstätten. Die gesamte Ware wurde mit allerhand Fahrzeugen vom Multicar bis zum W50 zur so genannten Expedition in Stendal transportiert, ausgeladen, gelagert, wieder verladen und an Filialen und Kunden ausgeliefert.

Alles war dort so ein bisschen sehr alt. Daher war das Projekt Neubau am Altmärkerplatz/Opelstraße ein erster wichtiger Schritt – ich habe gesagt: „Was ich jetzt hier sehe, will ich in drei Jahren nicht mehr haben!“

Den Vorschlag, geschäftlich auch in den neuen Bundesländern Fuß zu fassen, hatte ich meinem Vater nach dem Mauerfall gemacht. Was uns im ersten Anlauf in Stendal begegnete, bescherte uns doch gemischte Gefühle. Es ging nicht allein um die Übernahme maroder Bausubstanz – da standen auch noch 160 Mitarbeiter mit fragenden Augen.

„Geht nicht gibt's nicht!“ – nach dieser Maxime lebe ich schon immer. Mich reizte die Herausforderung, und so habe ich eine schnelle Entscheidung getroffen. Sie hätte auch falsch sein können, das konnte ich damals nicht wissen. Aber sie war goldrichtig.

Denn das werden wir die nächsten 200 Jahre nicht mehr erleben: dass zwei Länder zusammen schmelzen, verbunden werden über Nacht. Im gleichen Sprachraum, Ost- und Westdeutschland – wir konnten sofort durchstarten. Eine derart intensive Aufbruchstimmung wie damals von 1989 bis 1999 wird es nie wieder geben. Das waren zehn geniale Jahre!

Wenn ich heute aus dem Fenster schaue, erkenne ich einen modernen Produktionsbetrieb. Weiße Wände, hell, freundlich, nichts verkommen, nichts vergammelt, nichts verbeult. Und technisch auf dem neuesten Stand. Das gilt auch für den Fuhrpark, da ist alles gepflegt und ordentlich.

Das Morgen sehe ich für uns in der Regionalität der Filialgeschäfte. In einem Umkreis von maximal 150 Kilometern, um sie täglich frisch beliefern zu können. Ich möchte die 100 Filialen irgendwann mal voll haben. Perspektivisch – aber nicht um jeden Preis und jeden Willen. Es kommt auch darauf an, geeignete Standorte zu finden.

Im Großhandelsbereich möchten wir natürlich mit der eigenen Marke weiter wachsen, sodass wir über Sachsen-Anhalt hinaus bekannt werden. Zum Beispiel in Mecklenburg, Niedersachsen, Thüringen, Hamburg ... Im Auftrag produzierte Artikel vertreiben wir jetzt schon in ganz Deutschland, und da ist auch die Grenze. An Export denke ich bislang nicht.

Für die weitere Zukunft wünsche ich mir vor allem eins: mehr junge Menschen mit Interesse am Fleischerberuf. Wenn dieser Berufszweig ausstirbt, gehen auch handwerkliche Kunst und der regionale Geschmack verloren.